Soll ich feministische T-Shirts tragen?

Von Jacqueline Krause-Blouin, 7. Februar 2018

Danke für diese Frage, liebe anonyme Userin. Nun, ich könnte Ihnen jetzt einen diplomatischen Satz wie «das ist eine ganz persönliche Entscheidung» um die Ohren hauen, und Sie wüssten immer noch nicht weiter. Nur ist es das leider wirklich. Alles, was ich also tun kann, ist Ihnen meine (durchaus auch ambivalente) Meinung mitzuteilen. Danach urteilen Sie selbst.

Meiner Ansicht nach werden uns weder weisse Rosen bei den Grammys, schwarze Roben bei den Globes noch T-Shirts mit feministischen Statements drauf retten. Wenn die Hollywood-A-Lister-Frauen alle Schwarz tragen, ist das zwar kraftvoll, also so als Newsflash oder für ein Foto, aber eben auch effekthascherisch. Warum? Weil es nur einmal ganz punktuell geschah und sich dann doch wieder alle auf ihre furchtbaren fliederfarbenen Taftkreationen zurückbesonnen haben. Hätten die Ladies es nicht wenigstens die gesamte Award-Saison lang durchhalten können? Oder passte das nicht zu ihrem Teint? Jedenfalls bekommt die Sache so – trotz der richtigen Idee dahinter – einen Showeinlagen-Beigeschmack und wirkt banal bis naiv. Mit T-Shirts ist es dasselbe Spiel. Gut beobachten konnte man das bei der letzten Dior-Prêt-à-Porter-Show von Maria Grazia Chiuri. Kaum war das T-Shirt mit der Aufschrift «Why Have There Been No Great Women Artists?» vom Laufsteg verschwunden, empörten sich die Influencer schon, dass das doch gar nicht stimme: «Ich meine, Frida Kahlo, hallo?!» Aber Influencer wären eben nicht Influencer, wenn sie tiefgründig recherchieren würden. Dauert halt zu lang und dann ist man nicht mehr die erste, die postet. Chiuri bezog sich auf einen Essay von Linda Nochlin aus dem Jahre 1971, dessen Titelfrage natürlich bewusst provokativ formuliert war. Also, Sie sehen: So schnell steckt man in der T-Shirt-Falle.

Letzten Endes stellt sich wieder einmal die Frage: Wie politisch soll Mode sein? Nun, ich bin eine politische Person, aber trotzdem muss ich nicht mit einem Bild von Bernie Sanders auf meiner Brust herumlaufen. Und nur weil jemand ein Shirt mit der Aufschrift «The Future Is Female» trägt, steckt darin noch lange keine Feministin. Feministischer wird es auch nicht, wenn so ein Shirt absolut undemokratische 600 Franken kostet oder – das andere Extrem – sechs Franken bei Primark. Das findet die Frau, die es unter sklavenähnlichen Bedingungen herstellen musste, nämlich mit Sicherheit nicht #empowering.

Ich finde, man kann durchaus Statement-Shirts tragen, wenn es einem hilft, seine politische Einstellung auf den Punkt zu bringen, und wenn man dringend Zugehörigkeit zu einer Bewegung demonstrieren möchte. Allerdings muss man dann wissen, was man trägt, was man genau damit meint und woher es kommt. Wenn ich ein Led-Zeppelin-Shirt trage, ist es ja auch von Vorteil, wenn ich weiss, wer Robert Plant ist. Und wenn auf meinem T-Shirt «Bonjour, Simone» steht, habe ich hoffentlich wenigstens ein Schlüsselwerk von Simone de Beauvoir gelesen. Ich bin ja eine grosse Verfechterin von «Spass haben und ausprobieren!», wenn es um Mode geht. Aber bei politischen Botschaften geht man lieber auf Nummer sicher. Meine Regel lautet deshalb: Nur Statements tragen, wenn Sie ganz genau wissen, was gemeint ist. Und nicht etwa, weil Ihnen die Schrift gefällt oder weil es halt von Balenciaga ist. Eigentlich klar, oder? Schön wärs – achten Sie mal darauf, was man für bizarre Beispiele in der Fussgängerzone antrifft. Also, die Entscheidung liegt bei Ihnen. Das Einzige, was garantiert unmodisch ist, ist Halbwissen.

Aufgeklärte Grüsse,
Jacqueline Krause-Blouin

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